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Unsere Stars, die niemals untergehen. Künstler im Exil:
Hinterm Horizont gehts weiter
Bertolt Brecht über die Bezeichnung „Emigranten“:
„Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab: Emigranten. Das heisst doch Auswanderer. Aber wir wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluss, wählend ein anderes Land. Wanderten wir doch auch nicht ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für immer. Sondern wir flohen. Vertriebene sind wir, Verbannte.“
Von 1850 bis Mitte des 20. Jahrhunderts verliessen rund 7 Millionen Menschen über Bremerhaven ihre deutsche Heimat. Für die Auswanderer bedeutet das oft das Ende leidvoller Erfahrungen, deren Ende nahte. Überwiegend wurden sie von wirtschaftlicher Not und politischer Verfolgung aus der Heimat getrieben. Die grösste Emigrantenwellen gab es zwischen 1933 und 1941. In den ersten Wochen und Monaten nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten waren es vor allem ihre politischen Gegner, die Deutschland aus Angst vor Repressalien und Verfolgung verließen. Unter den Exilanten waren viele Künstler, Musiker und Literaten, denen die Nationalsozialisten jede Grundlage des Schaffens in Deutschland entzogen hatten. Darunter Schriftsteller wie Thomas Mann und Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Alfred Döblin, Anna Seghers und Joseph Roth, Regisseure wie Billy Wilder und Otto Preminger oder auch Komponisten, Texter, Schauspieler und Sänger(innen) wie Kurt Eisler, Friedrich Hollaender, Bertold Brecht oder Marlene Dietrich.
Exil, das bedeutete Ausbürgerung, Entrechtung, Heimatlosigkeit - schrieb Bertolt Brecht in seinem Gedicht "Über die Bezeichnung Emigration". Exil bedeutete für jeden Emigranten gleichermaßen auch Orientierungslosigkeit, Existenzbedrohung, Geldmangel, Sprachprobleme und politische Unmündigkeit, verbunden mit Heimweh und der Sorge um das Wohlergehen daheimgebliebener Verwandter und Freunde.
Auf der Flucht vor Hitler, landeten viele Künstler und Intellektuelle damals in New York. Amerika sollte zum Exil ohne Heimat werden. Die Künstler und Radikalen unter den Auswanderern sahen sich als Avantgardisten, als die Vorhut für eine Zukunft, in der man die kulturellen und politischen Grenzen der Gegenwart hinter sich gelassen haben würde. Die Bürgerlichen unter den Emigranten gingen ihrer „funktionalen“ Rolle als Arzt, Rechtsanwalt oder Lehrer nach. Sie kamen nach Amerika und wussten mehr über dieses Land als alle Emigranten vor ihnen und hatten Respekt vor der rauen, modernen Zivilisation.
Die Schicksale sind vielfältig: Einige der Emigranten machten in Hollywood Karriere, andere schlugen sich in der Neuen Welt gerade so durch. Ohne den Schutz einer Institution, mussten viele ihren Unterhalt zunächst mit Handlangertätigkeiten verdienen. Andere fanden schlecht bezahlte Jobs beim Rundfunk oder im Journalismus. Erst nach und nach konnten sie sich eine neue (künstlerische) Existenz aufbauen, die jedoch stets von der Vertreibung aus der Heimat geprägt war. Manche feierten grosse Erfolge in Hollywood oder auch im Manhattan Opera House. In der Heimat wurde ihre Kunst als „entartet“ verboten.
Nach dem Krieg entwickelt sich in Deutschland überraschend schnell ein kulturelles Leben. Konzerte und Theaterhäuser spielen wieder, der Nachholbedarf ist gross. Auch Arbeiten deutscher Autoren, die im Dritten Reich verfemt waren, kommen wieder auf die Spielpläne. Museen zeigen die Werke der klassischen Moderne. Am schnellsten erholt sich das Musikleben: Wenige Tage nach der Kapitulation finden erste Konzerte statt. Der Jazz, der schon in den 20ern in der deutschen Großstadtkultur viele Freunde hatte und von den Nazis als „Negermusik“ bezeichnet wurde, feiert ein überzeugendes Comeback. Der Film wird wichtigstes Medium für Vergangenheitsbewältigung und Unterhaltung.
Die neue deutsche Nachkriegskultur ist im Wesentlichen von amerikanischen Einflüssen geprägt. Das von den Emigranten hinterlassene Kulturerbe, bleibt vergessen. Auch in der DDR setzt man sich kaum mit den Emigranten und deren Werken auseinander: Die Asche wird nur angebetet, das Gedenken institutionalisiert.
Udo Lindenberg holt ein Stück deutscher Kulturgeschichte nach Deutschland zurück. Über New York, Bremerhaven, Shanghai, Peking und Berlin baut er die Zeitenbrücke zwischen dem Berlin der 20er, dem neuen Berlin der Jetzt-Zeit und der Zukunft - Berlin 2020. Er reicht das Feuer jener Emigranten weiter, die damals nicht die Chance bekamen ihre Werke einem grossen deutschen Publikum vorzustellen.
Nicht Tränen der Trauer strömen 2002 an der Columbuskaje in Bremerhaven, sondern Freudentränen über die Rückkehr unserer grossen Künstler und Rebellen auf die Strassen und in die Theater der Bunten Republik Deutschland – und der Welt.
Anna Seghers
Die jüdisch-orthodox aufgewachsene Anna Seghers studierte Kunstgeschichte, Geschichte, Sinologie und Philologie in Köln und Heidelberg. 1925 heiratete sie den Kommunisten László Radványi aus Ungarn. Für "Aufstand der Fischer von St. Barbara" erhielt sie den Kleist-Preis. Sie wurde Mitglied der KPD und im "Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller". 1933 gelang ihr die Flucht nach Paris. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen floh über Marseille nach Mexiko, wo sie den antifaschistischen Heinrich-Heine-Klub gründete.1942 veröffentlichte sie "Das siebte Kreuz" und wurde damit weltberühmt.1947 kehrte sie nach West-Berlin zurück und wurde Mitglied der SED in der Sowjetischen Besatzungszone. Für "Das siebte Kreuz" erhielt sie den Büchner-Preis.1950 zog sie nach Ost-Berlin, wo sie als Schriftstellerverbandsvorsitzende unter anderem versuchte, in Ungnade gefallenen Freunden zu helfen. Aber die Ereignisse insbesondere in Ungarn beschränkten auch ihre schriftstellerische Freiheit. Sie starb 1983 in Ost-Berlin.
Erika Mann
Nobelpreisträgertochter Erika Mann zeigte ihre Begabung als Schriftstellerin und Schauspielerin schon früh und bekam ihr erstes Engagement als Schauspielerin bei Max Reinhardt am Deutschen Theater in Berlin noch vor dem Abitur. Im Jahre 1925 spielte sie neben ihrem Bruder Klaus, ihrem Verlobten Gustav Gründgens und Pamela Wedekind in dem Stück von Klaus Mann "Anja und Esther". Ihre Ehe mit Gründgens wurde 1929 geschieden. Ab 1932 erschienen heftige Beschimpfungen und Drohungen in der nationalsozialistischen Presse. Mann strengte einen Prozeß wegen Beleidigung an, den sie auch gewann. Später verhinderten Nationalsozialisten ihre Weiterarbeit auf den Theaterbühnen. Im 1933 gründete sie das literarisch-politische Kabarett "Die Pfeffermühle". Noch im 1933 ging sie ins Exil nach Paris. In politischen Fragen gewann sie einen immer größeren Einfluß auf ihren Vater. Durch ihre Heirat mit dem homosexuellen englischen Dichter Wystan H. Auden, dem sie zuvor nie begegnet war, erlangte sie im Jahre 1935 die britische Staatsangehörigkeit und ging nach Amerika, wo ihr die Eltern und Klaus Mann im Jahr darauf folgten. Im 1938 erschien ihr Bestseller "Zehn Millionen Kinder (School for Barbarians)", ein Pamphlet über die Kindererziehung unter dem NS-Regime. Als einzige Frau beobachtete sie die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. Im Jahr 1947 begann sie die Zusammenarbeit mit ihrem Vater an den Kürzungen von Thomas Manns Roman "Doktor Faustus". Sie wurde eine seiner engsten Vertrauten. Nach dem Freitod ihres Bruders Klaus Mann im 1949 widmete sie sich seinem Nachlaß. Gemeinsam mit den Eltern verlegte sie im Jahre 1952 ihren Wohnsitz von den USA in die Schweiz wegen der Kampagne des Senators Joseph McCarthy gegen Liberale und Kommunisten. Nach dem Tod ihres Vaters war sie die Bevollmächtigte für den Nachlaß, mit dem sie sich intensiv beschäftigte. Mitwirkung bei der Verfilmung und Herausgabe von Werken von Thomas Mann. Erika Mann starb in Zürich im Kantonsspital, in dem vierzehn Jahre zuvor auch ihr Vater gestorben war.
Walter Mehring
Walter Mehring war einer der besten Texter der 20er Jahre, dessen Texte unter anderem auch von Hollaender vertont wurden (z. B. Baby, Die roten Schuhe). Nach aktiver Zeit als Dadaist schrieb Walter Mehring gegen den Ungeist: Pfaffentum, Militarismus, Antisemitismus und Korruption. Als Mitarbeiter der Weltbühne übersetzte er Lieder der Französischen Revolution ins Deutsche. Nicht ahnen konnte er, daß der Hunger und bitterste Armut seine Begleiter in seinem amerikanischen Exil (1933-1953) sein würden - auf dem Gang durch die kleinen Hotels. Bitterer noch als die Armut im Exil war das 'Vergessen-zu-sein' danach. Die Nazis verbrannten am 10. Mai 1933 auch seine Bücher. Als Walter Mehring in die Bundesrepublik zurückkehrte, war er nahezu verstummt. Seine spitze Feder verstaubte in den Jahren des Nach-Exils, das eher ein Noch-Exil war. Bereits 1934 sah er sein eigenes Schicksal voraus:
"Du bist verdonnert nun auf lebenslänglich
Zu den kleinen Hotels
Zu den kleinen Hotels
Zu den kleinen Hotels."
Am 3. Oktober 1981 beendete der Tod seine Emigration. Für sein ganzes rastloses Leben galt die Zeile aus "Der Emigrantenchoral":
"Die ganze Heimat
Und das bißchen Vaterland
Die trägt der Emigrant
Von Mensch zu Mensch - von Ort zu Ort
An seinen Sohl'n, in seinem Sacktuch mit sich fort."
Lion Feuchtwanger
Der Schriftsteller Lion Feuchtwanger wurde 1884 als Sohn des jüdischen Fabrikanten Sigmund Feuchtwanger in München geboren. Er verkehrte in den Kreisen der Münchener Bohème und verfaßte hier seine ersten Dramen, Erzählungen und Theaterkritiken. Nach seiner Dissertation über Heines "Rabbi von Bacharach" arbeitete er als Dramaturg am Theater in München. 1914 wurde er auf einer Tunesien-Reise mit seiner Frau vom Beginn des Ersten Weltkriegs überrascht. Mit Mühe entging er einer französischen Internierung. Er wurde einer der frühen Militärgegner. Nach dem Krieg veröffentlichte er Drama und Roman "Jud Süß". 1930 erschien sein zeitgeschichtlicher Roman "Erfolg - Drei Jahre Geschichte einer Provinz" (Bayern 1921-24, Hitler-Putsch vom 9. November 1923). 1932 "Der jüdische Krieg". Während der nationalsozialistischen Machtübernahme hielt sich Feuchtwanger aufgrund einer Vortragsreise in den USA auf und kehrte nicht mehr nach Deutschland zurück, sondern ließ sich in Sanary-sur-mer (Frankreich) nieder. Sein Haus in Berlin wurde von den Nationalsozialisten durchsucht, geplündert und beschlagnahmt. Zahlreiche Manuskripte gingen dabei verloren. "Die Geschwister Oppenheim" schilderte das Schicksal einer deutsch-jüdischen Familie in Berlin zur Zeit des NS-Regimes. Die Hitler-Satire "Der falsche Nero" erschien. Feuchtwangers Hinwendung zum Sozialismus manifestierte sich in dem Roman "Exil". Während des Zweiten Weltkriegs wurde er in dem Lager Les Milles bei Aix-en-Provence interniert, aus dem er mit Hilfe seiner Frau nach kurzer Zeit entkam. Er lebte versteckt in Marseille. Feuchtwanger floh über Spanien und Portugal nach Los Angeles. In dem Bericht "Unholdes Frankreich" hielt er seine Lagererfahrungen fest. 1945 Zusammenarbeit mit Brecht an "Die Geschichte der Simone Machard". Im Zuge der Verfolgung von Sozialisten und Kommunisten unter Joseph McCarthy wurde Feuchtwanger des Kommunismus verdächtigt. Da die USA ihm die Staatsbürgerschaft verweigerten, verließ er das Land nicht mehr. Seine politischen Schwierigkeiten bildeten den Anstoß zu dem Theaterstück "Wahn" oder "Der Teufel in Boston" über die Hexenverfolgung in Massachusetts. Feuchtwanger wendete sich mit "Die Jüdin von Toledo" und "Jefta und seine Tochter" wieder verstärkt der jüdischen Tradition zu. 1958 starb Lion Feuchtwanger in Los Angeles.